Hanna Strack » Die Weisheit der Volkslieder

Die Weisheit der Volkslieder

 

Die Weisheit der Volkslieder

1. Persönliche Zugänge

Ich beginne mit meinen Erinnerungen an das Dorf meiner Kindheit. Wir Mädchen zogen sonntags eingehakt die Dorfstraße hinaus und sangen Volkslieder, eine konnte sogar eine zweite Stimme improvisieren. Und bei Hochzeiten höre ich noch die zu helle, ja grelle Stimme der Bäuerinnen, die Volkslieder sangen auch solche mit traurigem Inhalt wie z. B. "Warum weinst du holde Gärtners Frau".

Es gab auch Lieder, die mich erschütterten, so "Ich hat einen Kameraden...", das bei Trauerfeiern für gefallene Soldaten gesungen wurde. Ich sehe noch, wie oben auf der Empore die Frau sich dabei schluchzend und verzweifelt hin und her bewegten. Es hat Jahre gedauert, bis ich das Lied hören konnte ohne Tränen in den Augen.

Und 1944 sagte ich zu meiner Mutter: "Ich will keine lustigen Lieder mehr singen, nur noch solche, wo Gott zuhört": Das war die Stimmung gegen Ende des Krieges und die Sorge um Vater.

Die Geborgenheit aber, die das Volksliedsingen schenkte, zeigt sich in dem Feldpostbrief meines Vaters vom Herbst 1944:

Heute morgen als ich gerade in der kalten Hütte wieder die Verpflegung richte, setzt stärkeres Ari-Feuer ein: Unten ins Dorf, näher bei uns; da sausen wir in den Keller. Eine Granate schlägt im Garten ein, hinter dem Stallgebäude; die nächste vor dem Haus auf die Straße; ein Kam. springt herein; er hat einen kl. Splitter im Rücken. Fw. Reimann ist tödlich getroffen. Der Sani will eine Zeltbahn, in die er die Toten hüllt. Während wir noch im Keller sind, klaut ein Unbekannter ihm die Pistole! – Ach! Ins Haus der Staub kommt. Die Stube hat einen Volltreffer. – Leider kam ich dann nicht mehr zum Schreiben; es schoss durchs Dorf, dass wir es vorzogen, in den Keller zu gehen. Als es ruhiger wurde, spielte unser Küchenwagenfahrer Volkslieder, in die wir Kellerbewohner mit einstimmten bis es zum Schlafen Zeit war.

Eine Frau, die in Kasachstan gelebt hat und jetzt in Schwerin ist, schreibt: Überall in der UdSSR wurde nur russisch gesprochen, deswegen mußten unsere Eltern und Großeltern diese Sprache lernen. auf der Straße, in der Schule und im Klub hatten wir Angst, deutsch zu sprechen, weil wir "hitlerowzi, faschisten" genannt wurden. So kommt es, dass sehr viele Deutsche die deutsche Sprache vergessen haben. Doch mein Vater sagte: "Wir sind deutsch und dürfen unsere Sprache nicht vergessen", deshalb sprachen sie mit uns deutsch. Ebenso haben wir immer heimlich Weihnachten und Ostern gefeiert. Kirchen gab es auch keine.  In der Familie meines Mannes wurden die wunderbaren deutschen Volkslieder viel gesungen. Später wurde die deutsche Sprache in der Schule eingeführt, zweimal in der Woche eine Stunde, doch das war zu wenig.

2. Die Inhalte der Lieder sind eine Lebensbeschreibung mit Tiefe und Weite:

Liebe und Tod, Wandern und Abschied nehmen, Heimat und Gott. Das sind die Grundbefindlichkeiten des Lebens, immer ist es das Unverfügbare, das, was uns widerfährt, über das wir nicht verfügen können. Und bei vielen Volksliedern geht es um das Durchhalten-Müssen, durch Abschied, Trennung und Trauer.

Zum ersten Mal kam mir der Gedanke an die Weisheit der Lieder bei "Horch, was kommt von draußen rein", ich war überrascht und verwundert, dass auch das eigenen Sterben mitbedacht wird: "Wenn ich einst gestorben bin, trägt man mich zum Friedhof hin, setzt mir (k)einen Leichenstein, pflanzt mir drauf  Vergißnichtmein."

Wir kennen sehr viele Volkslieder, die auch in verschiedene Rubriken eingeteilt werden können, wie ich hier versuche und je mit einem Beispiel versehe :

Morgenlieder: Im Frühtau zu Berge

Abendlieder: Kein schöner Land

Spottlieder: Herrn Pastor sien Kau

Wanderlieder: Das Wandern ist des Müllers Lust

Tanzlieder: Heissa Kathreinerle

Abschiedslieder: Muss I denn zum Städtele hinaus

Heimatlieder: Wo die Ostseewellen trecken an den Strand

Nationalhymnen: Einigkeit und Recht und Freiheit

und weiter: Ständelieder, Bauernlieder, Gesellenlieder, Soldatenlieder ...

Das ganze bunte Leben breitet sich vor uns aus. Und sicher sind die Lieder auch entstanden aus den Erfahrungen dieses bunten Lebens heraus.

Die Texte der Volkslieder helfen, die Balance zu halten zwischen Hoffnung und Leid.

3. Heimat und Grund

Die Lieder, sowohl die Texte als auch die Musik, das gemeinsame Singen, sind, wie wir gesehen haben, der einigende Grund einer Gruppe. Sie schenken Heimat und Zuversicht, wie ich es auch beschrieben habe in der Einleitung zu meinem Buch über die Kulturgeschichte der Gebärmutter "Spirituelle Reise zur Gebärmutter"

Alle Menschen beginnen ihren Lebensweg in der Gebärmutter und alle haben in der Gebärmutter ihre ersten Erfahrungen gemacht, die sowohl für ihr persönliches Leben als auch für die Symboltätigkeit der Kulturen von grund-legender Bedeutung sind. So ist der Innenraum der Gebärmutter die Urerfahrung, die die körperlichen, seelischen und religiösen Einstellungen geprägt hat. Deshalb heißt die Gebärmutter auch Matrix, das Grundmuster.

In Volksliedern wird die Herkunft als Grund und Tal besungen: „Im schönsten Wiesengrunde steht meiner Heimat Haus.“ Von dort geht der Mensch in die Welt hinaus. Oder: „Es steht eine Mühle im Schwarzwälder Tal,“ an dessen junge Bewohnerin der Sänger sich immer wieder erinnert und sich so rückversichert, „wo ich geh und steh.“ Oder: „Kein schöner Land in dieser Zeit,“ in dessen Tal wir uns noch „so viel hundert Mal“ treffen wollen, denn das Tal eint uns, gibt uns Geborgenheit.

Die Herkunft-Heimat ist ein Ort, das Haus im Dorf oder der Wiesengrund. Menschen wünschen sich ihre Heimat bergend, schützend und nährend und jeder und jede kann sich zur Heimat in Beziehung setzen. Wir sind also eingeladen, Heimat für uns zu erschließen als Sinn-Horizont, als Raum für Transzendenzerfahrungen und Spiritualität, die verbindet und Gemeinschaft stiften kann. In den verschiedenen Kapiteln dieses Buches wird sich zeigen, dass die Gebärmutter als Organ und als Symbol diese Bedeutung und diese Wirkung haben kann.

Was ist also der Grund? Nicht eine Ursache, eher auf den Grund gehen. Der Grund meint die Grundlage, die Grundstruktur. "Nichts ist ohne Grund - nihil est sine ratione" darüber spricht der Philosoph Martin Heidegger in dreizehn Vorlesungen und veröffentlicht es in dem Buch: "Der Satz vom Grund". Dieser einigende Grund meint also nichts Pädagogisches, keine Forderung, es meint das Sein selbst.

 

4. Tod und Sterben

Erstaunlich ist, wie leicht und frei die Lieder das Sterben und den Tod miteinbeziehen. Selbst ein so schöner Anfang geht schon in der zweiten Strophe hinaus bis zum Sterben:

Im schönsten Wiesengrunde ist meiner Heimat Haus
Da zog ich manche Stunde ins Tal hinaus

Dich mein stilles Tal, grüß ich tausendmal!
Da zog ich manche Stunde ins Tal hinaus

Müßt aus dem Tal ich scheiden wo alles Lust und Klang
Das wär mein herbstes Leiden, mein letzter Gang.

Dich, mein stilles Tal, grüß ich tausendmal!

Das wär mein herbstes Leiden, mein letzter Gang.

Sterb ich in Tales Grunde will ich begraben sein,
Singt mir zur letzten…

Dieses Volkslied beginnt mit dem strahlenden Bild des Wiesengrundes, wo das Haus der Heimat steht, das uns Geborgenheit geschenkt hat. Dort war es gut für uns: "Lust und Klang". Aber von dort aus muss der Mensch seinen eigenen Weg gehen. Dennoch bleibt er in Beziehung zu diesem Grund "Dich , mein Stilles Tal, grüß ich tausendmal". Und dann schon singt das Lied von Sterben und vom Begrabensein.

Beim Nachdenken und beim Schreiben dieses Liedtextes muss ich an einen ungewöhnlichen Vergleich denken. Mir scheint, dass sich in diesen Bildern die unbewusste Sehnsucht nach dem Mutterleib ausdrückt, unser aller erster Heimat. Dort waren wir beschützt, genährt, vorbehaltlos geliebt, es sei denn die Mutter wollte uns nicht.

Zu diesem Vergleich führte mich der US-amerikanische Psychologe James Hillmann.

Der weibliche Grund ist das umfassende Behältnis, das empfängt, hält und trägt. Es gebiert und nährt und ermutigt uns, zu glauben. Dieser Grund ruft uns freundlich heim zu uns selbst, gerade so, wie wir sind.(James Hillmann: Die Suche nach Innen: Psychologie und Religion, Zürich 1981)

5. Die subversive Folksliedszene in der DDR

Zum Schluss noch ein Blick auf die spannende Folkliederszene in der DDR. Ich bin Wessi, kann also nur durch Erzählungen und Bücher aus demLeben damals erfahren. So auch hier das Buch von Wolfgang Leyn: Volkes Lied und Vater Staat. Die DDR-Folkszene 1976-1990 Ch. Links Verlag 2016. Überall gab es kleine Gruppen, die sich trafen, um subversiv zu singen. Begleitet von einem Bandoneon, Gitarre und vielen selbst gebastelten Instrumenten sangen sie z. B.:

Bunt sind schon die Wälder, 

braun die Weizenfelder

und der Sommer beginnt.

Graue Neben wallen

aus den Schornsteinen allen,

irgendwo hustet ein Kind ...

Es ist klar, dass der Umgang mit den Behörden immer eine Gratwanderung war. Und für uns Wessi ganz erstaunlich die Kreativität dieser Gruppen! So musste im Notfall auch eine List weiterhelfen: Die Gruppe wird aufgefordert, die Lieder der nächsten Veranstaltung einzureichen. Da hat man einfach eine Sammlung aus Liederbüchern zusammengestellt - keiner hat es gemerkt.

Der ZfK-Direktor argumentiert, dass "die Folklore-Gruppen ihre Bezüge zum Volkslied ausschließlich aus gegenwärtigen Einstellungen und Interessen formulieren ... Wie die letzten Monate gezeigt haben kamen bei Treffen von Musikfolkloregruppen große Massen von Jugendliche zusammen."

Umso erstaunlicher ist, dass sich diese Bewegung erhalten hat und noch heute treffen sich jedes Jahr die  Gruppen in Rudolstadt.

Das Rudolstadt-Festival ist Deutschlands größtes Festival für Folk-, Roots- und Weltmusik. Seine Premiere erlebte es im Juli 1991. Aus der Taufe gehoben wurde es damals von einem deutsch-deutschen Organisationsteam. Heute gehört es zu den bedeutendsten Festivals seiner Art in Europa. Jedes Jahr gastieren Solisten, Bands und Ensembles von mehreren Kontinenten, etablierte Künstler ebenso wie Newcomer der unterschiedlichsten Stilrichtungen. 2019 kamen Musiker aus rund 40 Ländern. Während des Festivals wurden mehr als 100.000 Besucher in der thüringischen Kleinstadt gezählt.

 

6. Neue Formen des gemeinsamen Singens

Ich kenne mich da nicht so gut aus, weiß aber, dass das Rudelsingen solch eine neue Form ist. Wegen Corona findet es jetzt digital statt. Alle erhalten den Text, meist ein Schlager, dann spielt eine kleine Band und alle singen mit.

So stellt es sich selbst vor:


Seit 2011 feiert das RUDELSINGEN - das in Münster geborene Kultformat zum Mitsingen - seinen Siegeszug durch ganz Deutschland und gehört bei vielen Fans inzwischen einfach zum Leben dazu. Regelmäßig treffen sich die unterschiedlichsten Menschen, um gemeinsam die schönsten Lieder von gestern bis heute zu singen.




10 Teams begeistern bundesweit in über 100 Städten mit immer neuen Programmen und erfüllen viele Hunderte Liedwünsche – dabei hält das stets bunt gemischte Repertoire für monatlich über 10.000 Rudelsängerinnen und Rudelsänger immer das Passende bereit, von Schlager bis Rock, vom aktuellen Radio-Hit bis zum Evergreen.




Beim RUDELSINGEN werden sie live von 2-3 Musikern mit Klavier, Gitarre und weiteren Instrumenten begleitet, die Texte werden per Beamer auf eine Leinwand projiziert.


 

Eine andere Form wird hoffentlich nach Corona wieder aktuell: Das gemeinsame öffentliche Singen, wie z. B. "Schwerin singt". Ein Chorleiter dirigiert die Menge, die sich im Staatstheater einfindet. Das kann auch bei schönem Wetter im Freien sein auf einem öffentlichen Platz. Und hierbei werden die alten Volkslieder gesungen!


Die öffentliche Open-Air-Veranstaltung ist bei freiem Eintritt seit Jahren ein Höhepunkt von SCHWERIN SINGT!, einer Initiative in Kooperation der Stiftung Mecklenburg mit dem Mecklenburgischen Staatstheater. Unter Leitung von Chordirektor Ulrich Barthel werden beim Frühlingssingen am 17. Juni Lieder wie „Die Gedanken sind frei“, „Ein Vogel wollte Hochzeit machen“, „Ännchen von Tharau“, „Wenn alle Brünnlein fließen“ und - passend zur WEST SIDE STORY - ein Überraschungslied aus einem bekannten Musical gesungen.




 

Die Initiative SCHWERIN SINGT! wurde zum Jubiläum 200 Jahre bürgerlicher Chorgesang 2014 von Ulrich Barthel, Chordirektor des Mecklenburgischen Staatstheaters, gegründet. Viele Menschen erfreuen sich seitdem an den Gesangsveranstaltungen, bei denen in regelmäßigen Abständen bekannte Lieder von den Besuchern gemeinsam gesungen werden.


 

Und jetzt bekam ich die Einladung zum gemeinsamen Singen des Requiems von Mozart. Dafür werden die einzelnen Teile erst nach einem Plan geprobt.

 

Nun ist aus dem anfänglichen Gedanken, über die Weisheit der Volkslieder zu schreiben eine ganze  Sammlung von Gedanken und Beispielen entstanden. Das hat mich selbst überrascht.

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Jens Adler

Wunderbar umschrieben. Und später melde ich mich nochmal wieder.

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