Hanna Strack » Hagar – die Person der Bibel, die Gott einen Namen gibt

Hagar – die Person der Bibel, die Gott einen Namen gibt



Dieses Bild ist eines der Medaillons der Decke in der Heilig Geist Kirche in Wismar

Auch Hagar ist wie die beiden Hebammen Schifra und Pua eine vergessene Frau der Hebräischen Bibel, unseres ersten Testamentes, Altes Testament genannt.

Ich habe hier ihr Schicksal in einer Erzählung nachempfunden. Am Schluss verkündet sie die sehende Gottheit.

 

Hagar verkündet die Gottheit des Schauens

 

Diesen Augenblick vergesse ich nicht: Abrahams Gesicht wirkte hilflos, seine Bewegungen waren langsamer als sonst, als r mir den Wasserschlauch um die Schulter legte. Seine Augen wollten nicht los von meinem Gesicht und kamen schnell wieder zurück, wenn er kurz Ismael ansah.

Ich werde diesen Augenblick nicht vergessen. Sicher: Das Gesetz Hammurabis verlangte es: wenn die Sklavin sich nicht mehr unter die Herrin beugt, dann soll sie in die Wüste geschickt werden.

Es ist früh am Morgen, der Tau liegt auf den Steinen und dem Sand. Ismael hat sein Tuch noch um den Kopf geschlungen. Seine für sein Alter zu ernste Stirn ist gerade noch zu erkennen.

Mein Blick sucht den weiten Horizont: unendlich weit. Davor nur Steine, Sand, ein paar Sträucher. Ich weiß, ich muss da durch, ich muss mit dem Sohn. Das f4rne Land Ägypten erreichen, ich muss die Oasen auf dem Weg dorthin finden. Ich werde Ismael abwechselnd tragen, auf der Hüfte, auf der Schulter – und ihn an. Der Hand führen, solange er gehen kann.

Nein, ich schaue nicht zurück. Ich will nicht sehen, wie hilflos Abraham nach uns schaut, dieser reiche, kräftige Mann, dem Gesetz Hammurabis gehorchend. Aber mehr noch: Herrscher über Herden, Mägde, Knechte, Frauen und Kinder und dennoch unter dem Zwang: einen Sohn, einen Erben zu haben. Ist es seine Ehre, die verletzt wäre, wenn er nur Töchter hätte? Ist es die Sorge, wer ihn im Alter pflegen, ernähren würde, ihn und seine große Sippe?

Während ich hier stehe am Rande der Wüste und in die unendliche Weite des Himmels schaue, wird er – das bin ich sicher – hastig zurückkehren. Und Sara berichten, dass das Gesetz erfüllt ist: Hagar und Ismael habe ich in die Wüste geschickt. Und Sara wird sanft über den Kopf ihres Sohnes Isaak streicheln, dankbar, dass nun klare Verhältnisse geschaffen sind.

 

Sara und ich, haben wir nicht beide die Anforderungen der von Männern bestimmten Sippen erfüllt, indem wir für den Sohn sorgten? Die Töchter zählen nicht. Es fehlte Sara der Sohn und Erbe und so bestimmte sie mich zur Leihmutterschaft. Aber wir beide – jede für sich – kamen dabei zu kurz. Unsere Gefühle, die zur Liebe geboren waren, schlugen um in Hass, Eifersucht. Uns blieb nur die Intrige.

Noch immer kann ich den Weg nicht beginnen, der vor mir liegt. Noch immer wartet Ismael geduldig neben seiner nachdenkenden Mutter: Die kleine Hand in der großen, der kleine Knabe neben der großen starken Frau. Ich weiß, dass ich stark bin. Ich muss stark sein.

Die Strecke, die vor uns liegt, birgt den Tod. Ich will aber das Leben.

Die letzten Sterne verblassen. Sonne – Gott des Tages, erstehe auf – bete ich und gehe langsam tastend die alten Tanzschritte, die ich als junges Mädchen in Ägypten gelernt hatte.

Ismael versucht, die Schritte nachzuahmen: schwer, leicht, leicht und klatscht dazu freudig in die Hände.

Ich halte ein. Eine große Sehnsucht nach dem Land meiner Mütter durchströmt mich. Dort bestimmen die Frauen ihr Leben, sie bestimmen ihre Schwangerschaften. Ja, sie tanzen stolz, wenn ein Mädchen zur Frau wird. Im Land meiner Mütter wäre ich aus freier Wahl und Stolz bereit gewesen, dem Abraham einen Schoß zu öffnen.

Mit Schrecken sehe ich, dass die Sonne höher gestiegen ist und Ismael, mein Sohn, kleine Steine zusammengetragen hat, die r zu einem Turm aufhäuft. Ich orientiere mich am Himmel: In das Licht zwischen Mittag und Abend musst du gehen, hatte mir der Tierhüter gesagt, der – auch aus Ägypten – in Abrahams Diensten stand. Zwischen Mittag und Abend – ich suche Himmel und Horizont ab. Ich präge mir einen Weg ein, hinunter in das trockene Tal, an Büschen, Dornbüschen vorbei hinter einen felsigen Berg: dort muss die Oase liegen, dort finde ich Menschen, bis dorthin müssen mich meine Füße tragen, muss ich Ismael mittragen.

Dann noch ein geschärfter Blick zum Boden: reiner Sand, wenig spitze Stein, in der Ferne das Rascheln einer Schlange, die ihre Haut an einem Stein abstreift. Ich sehe die schöne Zeichnung auf ihrem Rücken.

Das Gehen fällt mir leicht, die Sandalen sind fest geschnürt. Ich singe ein Lied, öffne dabei kaum die Lippen, um nicht dabei Sand aufzunehmen. „Ismael, sing auch nur summend, sonst fliegt wehender Sand in deinen Mund. Wir müssen auch den Speichel behalten, wenig Flüssigkeit verlieren. Wir haben nicht viel Wasser im Schlauch. Es reicht für uns nur bis heute Abend, bis zur nächsten Wasserstelle dort hinter dem Berg!“

Der kleine Sohn hüpft und springt hinunter in das Wadi und ich achte auf die Spuren, damit ich den Karawanenweg zur Wüste Sur nicht verpasse. Er führt uns dann zur #oase, die heißt Rehabot und dort kann ich den Schlauch mit frischem Wasser füllen.

Jetzt hängt er nur noch schwer über der linken Schulter und – viermal umwickelt – unter dem rechten Arm. So ist meine linke Hüfte frei, auch Ismael rittlings darauf zusetzen, wenn er zu müde ist.

Hinter uns liegen die Zelte von Beersheba, unten vom Wadi aus werde ich sie nicht mehr sehen: das große geschmückte Zelt für Abraham, daneben das Sarazelt ein Steinwurf entfernt. Ich sehe plötzlich die Szene vor mir – nein, ich will auf den Sand und die Spuren achten. An die letzten Jahre und die Spannungen zwischen Sara und mir will ich jetzt nicht denken.

Das Wadi ist ausgetrocknet. Kleine Sträucher künden davon, dass hier ganz selten Wasser fließt nach einem gewaltigen Gewitter. Ismael hat einen Stein gefunden, auf dem wir Rast machen. Ich öffne den Schlauch behutsam an seinem Ende, das vor meiner Brust baumelt. Ich tropfe das Wasser in den offenen Mund des Kindes, wie es so vor mir steht und Laute des Genießens von sich gibt. Dann halte ich den Schlauch über meinem Mund und nehme so viel, wie ich unbedingt brauche.

Ich entsinne mich nicht mehr, wann ich lernte, das Wasser in der Wüste richtig einzuteilen. Bei meiner Mutter in Ägypten und den vielen Geschwistern gab es einen tiefen Brunnen, den wir „Wasser des Lebens“ nannten. Nach jedem Regen, wenn das Grundwasser stieg, feierten wir das Wasser des Lebens: Alle Mädchen aus den Zelten bildeten einen Reigen, die Anführerin, die wir Prophetin nannten, schlug die Handpauke und wir klatschten in die Hände, drehten uns um uns selbst und um den Brunnen und sagen: Wir loben dich, Gott Wasser und Göttin Weisheit; Wasser zum Leben hast du uns gegeben.

Wo also habe ich gelernt, den Wasserschlauch in der Wüste richtig einzuteilen? Als Sara mich meiner Mutter abgekauft hatte und wir mit der Karawane von Ägypten den Weg zur Wüste Sur wanderten?

 

Mutter schau! Ismael bleibt wie angewurzelt stehen: Vor unseren Augen streift eine Schlange an einem Geäst ihre Haut ab. Wir hören das leise Knistern und bewundern die leuchtenden Farben ihrer neuen Haut. Ob wir auch einmal solch ein neues Leben beginnen können?

Dann trinken wir und essen und nach kurzer Rast wandern wir weiter durch die Wüste.

Gegen Abend kommen mir die ersten Zweifel. Habe ich den Stand der Sonne etwa falsch eingeschätzt jetzt in dieser Jahreszeit? Müssten wir nicht schon bei der Oase sein? Haben wir sie verfehlt? Drehen wir uns etwas im Kreise? Wir trinken den letzten Schluck aus dem Wasserschlauch. Ich merke, dass Ismaels Kräfte nachlassen. Ich werde sehr unruhig. Der Junge weint leise. Mama, ich kann nicht mehr! Auch meine Kräfte schwinden.

Jetzt kann ich nicht mehr. Ich setze Ismael in den Schatten eines dürren Strauches. Ich kann sein Wimmern nicht mehr anhören, es ist fürchterlich. Und ich lege mich ein Stück entfernt in den Sand.

Ich träume von damals, als mich eines Abends Sara ansprach. Sie sagte, dass sie kein Kind bekommen habe bis jetzt und es wohl nichts mehr wird. Aber Abraham braucht ein Erbe. Deshalb wird er zu mir kommen, sagt sie. Sie wirkte sehr bedrückt. Bitte lass ihn zu dir und schenke uns einen Sohn! Ich dachte damals, wie verrückt doch die Welt ist. Warum unbedingt ein Sohn?

Und dann habe ich Ismael geboren, auf dem Schoß der Sara sitzend. Es war ihr und Abrahams Kind. Und dann plötzlich wurde sie doch noch schwanger… ach ja, Probleme zwischen uns Frauen gab es dann schnell.

Ich war so elend und müde, spürte meine ganze Hilflosigkeit und bereitete mich aufs Sterben vor, müde, kraftlos, erschöpft.

Ich muss wohl eingeschlafen sein. Denn plötzlich sehe ich ein Glitzern in der Abendsonne, als ob Wasser sich kräusle. Ich höre ein leises Rauschen. Wasser! Es fährt mir in die Glieder! Ich schleppe mich dahin, wo das Glitzern und Rauschen her kam. Wasser! Aus Müdigkeit und vor Angst hatte ich es wohl nicht gesehen! Wer hat mir die Augen geöffnet dafür? Welcher Engel ist mir erschienen? Will Gott nicht, dass wir untergehen? Will diese Gottheit, die mich sieht, dass wir leben?

Ich netze meine Lippen, dann fülle ich ein wenig Wasser in den Schlauch und gehe rüber zu meinem Kind, das bewusstlos da liegt. Mein Kind, wir werden leben! Ismael spürt das Wasser auf seinen Lippen, öffnet die Augen und wir umarmen uns.

Dann knien wir im Sand und rufen leise:

Du, Gott, du Sehender, du hast uns in unserer Erschöpfung gesehen! Gott, du Hörender, du hast unser Weinen und Wimmern vernommen! Gottheit, du sehende und Hörende, du Lebensquell, führe uns durch die Wüste und schenke uns Zukunft!

Und dann tanzen wir erst langsam und immer schneller vor lauter Lebenslust und Freude! Amen

 

 

 

 

 

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