Klaus Esser: Zwischen Albtraum und Dankbarkeit. Ehemalige Heimkinder kommen zu Wort,
Lambertus-Verlag, Freiburg im Breisgau, 2011 ISBN 978-3-7841-2040-9
Zunächst provoziert das Thema eine innere Abwehr. Die Missbrauchsfälle, die in den letzten Jahren bekannt wurden, sind erschreckend. Beim ersten Blick in das Buch aber wird schnell klar: Hier handelt es sich um ein informatives und umfassendes Buch, gewissermaßen ein Lehrbuch der Heimerziehung. Vor allen Dingen ohne jeden Voyeurismus.
Entsprechend ist das Buch aufgebaut:
Nach einer Einleitung werden in Kap 2 Probleme der stationären Erziehungshilfe angesprochen. Sie wird als systemisches Modell im Vergleich zu Risikofamilien vorgestellt. Schwierigkeiten des Übergangs in die Zeit nach dem Heim werden besprochen. Kap 3 entfaltet Aspekte der historischen Entwicklung der Heimerziehung von den Klöstern des Mittelalters über den Nationalsozialismus, die Nachkriegszeit, die Zeit der Reformen hinein, das Recht auf körperliche Züchtigung miteinbezogen. Kap 4 bringt Erkenntnisse der Bindungsforschung für die stationäre Erziehungshilfe.
Die zentralen Kapitel 5-8 widmen sich der Befragung ehemaliger Heimkinder aus sechs stationären Einrichtungen in katholischer Trägerschaft, davon vier SOS-Kinderdörfer, die anderen beiden mit hundertjähriger Geschichte. Die Methoden der Interview, ihre Auswertung sind transparent: Originaltexte aus den Antworten finden sich in Kap 8 „Ehemalige erinnern sich“.
Das 9. Kapitel bringt Ergebnisse und Erkenntnisse unter zehn verschiedenen Aspekten. Die Erlebnisse im Heim reichen von sehr guten bis traumatisierenden Erfahrungen. Dabei bildet die Bindungsperson den wichtigsten Schlüssel zur Wirkung der stationären Jugendhilfe vor und/oder während des Heimaufenthaltes. Fachpädagogische Angebote wie Sport, Musik und Erlebnis werden als bedeutsame Wirkfaktoren genannt, ebenso die soziale Integration der Ehemaligen.
96,4 % beurteilten ihre heutige Lebenssituation als sehr gut bis mittelmäßig. Also ist es ein sehr kleiner Teil, der unter der Stigmatisierung leidet. Diese Aussage wird jedoch eingeschränkt durch die Tatsache, dass die Rücklaufquote 25 % beträgt. Zudem ist die Anzahl der Befragten aus SOS Kinderdörfern zu einseitig. Der Verfasser erkennt dies an und betont, dass „eine einfache Übertragung der Befragungsergebnisse auf alle ehemaligen Heimkinder der Jahre 1949 bis 2008 nicht zulässig“ sei. (246) Damit bestätigt es sich, dass das Buch sich eher als Lehrbuch denn als Dokumentation eignet.
Die Botschaft der Befragten an die heutigen Kinder im Heim lautet: Kooperation mit den Erziehenden ist von großer Bedeutung. Die Erfahrungen in ihrer Ausbildung und die Bedeutung von allgemeinen Regeln für ein Gemeinschaftsleben sollen die heutigen Heimkinder nutzen. (S.240)
Wer sich erinnert, wird feststellen, dass die Probleme der Heimerziehung schon lange bekannt sind. Das ganze System dieser Erziehung beruhte auf Uneindeutigkeit. Das machte die Jugendlichen auch so abhängig. 1970 produzierte Ulrike Meinhof, kurz bevor sie in den kriminellen Widerstand der RAF ging, den Fernsehfilm BAMBULE, für den sie auch das Drehbuch geschrieben hatte. Hier kritisierte sie die autoritären Methoden der Heimerziehung, damals noch „Fürsorgeerziehung“ genannt, die in der Handlung des Films zu einer Revolte führen. Das Buch von Klaus Esser muss in diesem größeren Zusammenhang gesehen werden.
Hanna Strack