Hanna Strack » Gedichte

Verschiedene Gedichte

Im Intercity

Landschaften rauschen vorbei

überall ein Flecken Heimat

der deutsche Wald steht noch breitbeinig da

In Göttingen prasselt der Regen

in Heidelberg brütet die Sonne

überrascht schaue ich auf:

keine Verspätung!

Weizen geerntet

Mais steht im Saft

In Mecklenburg Kraniche

in Bayern Rehe

Kulturland

Straßenautobahnenradwege

KirchenBismarckTürme

Im Speisewagen:

ich bestelle einmal

Deutschlands Allerlei

aus dem Schrebergartenmilieu.

 

Das Erhabene begegnet mir

erst jenseits

der Schweizer Grenze.

 

Nachrichten

ein Busunglück

ein Mädchen verschleppt

ein Kriegsbeginn

ein Sieger beim Sport

ein neues Medikament

 

Millionen Nachrichten

gleich Bleibendes

ich schwanke zwischen

Betroffenheit

und Überdruss.

 

Und wie geht es

meiner Nachbarin?

 

Die wilde Frau

Ich spreche zu dir,

meine wilde Frau,

ich rufe dich herbei!

Zerstöre doch mein Gefängnis

die NichtsollstduWorte

beschreibe den leuchtenden Pfad

durch den Wald

ein Schwan trägt mich

zu neuen Ufern

 

 

Alles Eines

Kann ich Alles, was ist,

als Eines zusammen denken?

Tote und Lebende

Steine und Moleküle

Güte und Bosheit

 

Ich könnte alles addieren:

Hundert Billionen Dinge -

 

Ich könnte ein Prinzip postulieren:

Ich versuche es metaphorisch

Alles ist ein Gewebe

Schuss und Kette

Farben, Muster

die Hand der Weberin

 

Ich versuche es religiös

Der Gottheit Wirken

durchzieht Alles in Einem

 

Ich versuche es jesuanisch

Die Liebe erfüllt das Leben

 

Ich versuche das Absurde

Alles ohne Sinn

Sisyphus zu anstrengend

 

Ich versuche es mystisch

Das große Schweigen

 

Warum, frage ich das:

Kann ich Alles, was ist,

als Eines zusammen denken?

 

 

Beziehungs-Weise

Ein Schmetterlinsflügelschlag

und in China bewegt es sich

 

Lichtjahre entfernt

ein Stern

mein Atem

mein Auge

 

Todesanzeige

Sie wurde zwanzig Jahre älter

als ich jetzt bin

Zukunft von

zwanzig Jahren?

Ende in zwanzig Jahren?

 

Ich stehe auf

 

Ultraschall

Komm,

wir gehen Babyfernsehen!

Das nonplusultra

ein heiliges Schaudern

eine Skizze von Kind

ein Glück.

 

Das Kind im Dunkeln

eine Anomalie

das heilige Schaudern

wird zum Erschrecken

Das nonminusultra

 

Dolomiten

Fußsteige hoch oben

trittsicher

weiter Blick

Im Tal lese ich:

Transportwege aus den Weltkriegen

für Munition und Leichen

 

Die Großväter schlugen sich

die Köpfe ein

Die Enkelkinder Touristen

umarmen einander

 

Warum nur-

Warum?

 

 

Gebären

Ich will Leben gebären

deshalb bin ich durchlässig

porenweit

Liebe lass ich durch

und Tod

und das Grün

und alles Weh

fließend wird Leben geboren

aus meiner Durchlässigkeit

 

 

Die Balance

eine junge Frau

mit hoher sozialer Kompetenz

sieht Pflichten

und handelt

eine junge Frau

mit hoher kreativer Begabung

spürt die Lust

und gestaltet

 

lebenslang sucht sie

die Balance zwischen

Gaben und Aufgaben

 

wie kann sie einmal sterben

alt und lebenssatt?

 

Das Symbol

Wäre Jesus nicht gekreuzigt

sondern erhängt

hätten wir eine Schlinge

als Symbol?

 

Wäre Jesus nicht gekreuzigt

sondern gesteinigt

hätten wir einen Stein

als Symbol?

 

Das Kreuz ist mehr noch

als die Todesart

es verbindet

die Gegensätze

es führt

zur Mitte

und wieder nach außen

 

Aus dem Kreuz

wird der Lebensbaum.

 

Die Alte

Sie flippt nicht aus

sie betrinkt sich nicht

sie entscheidet sich

für sich selbst

 

Sie erschafft

Raum und Zeit

und tritt ein

in ihre Zukunft

 

Die Stille

Im Raum breitet sich Stille aus

erfüllt mit Erinnerungen

oder

die Leere,

das offene Nichts

 

Ich schweige der Stille entgegen

 

Albtraum

Eine Hand greift

nach meinem Herzen

reißt es heraus

zerquetscht es

Blut tropft

 

Die Schmerzen halten

den Tag über an

 

Warum biete ich

mein Herz feil?

 

Ich bitte um

den Schutz

einer Glückshaut!

 

 

Drei

KZ

Hiroschima

Tschernobyl

 

Ein halbes Jahrhundert

erfüllt

mit Schreien

der Opfer

 

Die Aufgeklärten

hatten geglaubt

an den Fortschritt

der Menschheit

 

Die Mutter Erde

nimmt

die geschundenen Körper

auf

in ihren blutenden Leib

 

 

Gegen-Psalm

Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.

Gott, lehre uns bedenken, dass wir geboren sind, auf dass wir tätig werden.

 

Kern-Fragen

Bin ich je dem Heiligen begegnet?

 

Dieser Urkraft des Lebens,

die durcheinander rüttelt,

neu ordnet,

die klärt und reinigt,

die erhaben ist

und schrecklich.

 

Habe ich je dem Heiligen geantwortet?

 

Dieses Ja zum Geschehen,

das annimmt,

verändert,

Verbrauchtes wegnimmt,

Neues schafft?

 

Was will ich das Heilige fragen?

 

Ist es stetig?

Begleitet es mich?

Bricht es durch?

Bleibt es eine Frage?

Ergreift es mich?

Lebt es in mir?

 

 

Verletzungen

 

Ich sammle

meine geschundene Seele

auf den Straßenpflastern

Ich sammle ein

die Schmerzen,

ich halte zusammen,

was ich fand.

Nein,

du zerstückelst mich nicht!

Diese Macht dir nicht!

 

Meine geschundene,

zerstückelte Seele

ist eine Kristallkugel!

Fluch über die Zerstörerin!

Du verwundest mich nicht!

Dein Schreien,

dein Umdichschlagen

trifft mich nicht!

Ich lasse dich nicht heran!

Ich handelte,

es war Not wendend.

 

Wann hast du dich müde geschrieen

auf dem Eis des Bodensees?

 

 

Liebe

Ich sehe dich!

Ein Feuer jagt

lichterloh durch mich

 

Bist du weit

ich brenne

 

bist du nah

ich berste

 

Mein feuriger Leib

und deie Glut

löschen einander nicht

 

Wir tanzen

in einem Meer von Blüten