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Meine Biografie

Ein Teppich des Lebens

Zum Bild: Bei meiner Taufe: Das Gottle in St. Georgener Tracht, daneben das Hebamme Bäsle, dahinter meine Mutter und mein Vater als Pfarrer.




In dem kleinen Dorf Weiler im Schwarzwald, damals in Baden im Kreis Villingen, hat meine Mutter, Maria Heinrich, geb. Hempel mich im ehelichen Schlafzimmer des Pfarrhauses geboren, begleitet und unterstützt von der Hebamme, S´Hebamme Bäsle genannt, und meinem Vater, Karl Martin Heinrich, Pfarrer.
Das Dorf hatte 1933 Hitler zum Ehrenbürger ernannt, die Gemeindeglieder beteten für ihn und mein Vater konnte in einer Predigt zum Volkstrauertag 1934 sagen: Wir danken Gott, dass er uns in Hitler einen 2. Moses gegeben hat, der unser Volk aus der Schmach des Versailler Vertrages herausführt.
Meine Mutter war dem Nationalsozialismus gegenüber ablehnend, stolz darauf, das Mutterkreuz ohne Hitlergruß angenommen zu haben.
Mein Vater kam 1939 in das Musikkorps, wo er Waldhorn blies. Ab 1942 in Frankreich und dort 1944 gegen die Invasion eingesetzt, er machte den Rückzug, musste 1944 im Oktober in die Eifel und fiel dort am 21. Januar 1945.
Ich bin im „Kriegerwitwenmief“ aufgewachsen, denn in Königsfeld, wo wir hinzogen und ich mit meinen drei Brüdern das Zinzendorf-Gymnasium besuchte, lebten überwiegend Witwen, die zur Herrnhuter Brüdergemeine gehörten.
1956 machte ich das Abitur, arbeitete ein Jahr lang in London in einem Arzthaushalt, studierte danach zuerst Germanistik in Freiburg. Immer mehr drängte sich der Wunsch in den Vordergrund, dem christlichen Glauben auf die Spur zu kommen, seine Wurzeln zu entdecken. So begann ich in Heidelberg im WS 1957/58 das Theologiestudium mit dem Erlernen des Hebräischen und Griechischen. Bald entdeckte ich, wie wichtig die Hermeneutik ist und siedelte nach Berlin-Zahlendorf, um Ernst Fuchs zu hören. Dann ein Semester in Wien, um abends Stehkarten für die Oper zu bekommen, zusammen mit meiner Freundin Heide Wehmeyer und meinem Bruder Peter. Ich arbeitete im Seminar bei Dantine über das Abendmahlsverständnis.
Da Ernst Fuchs nach Marburg berufen worden war, ging ich dorthin, um dann noch zwei Semester in Zürich bei Ebeling zu studieren.
Nach dem 1. theologischen Examen der Badische Landeskirche wurden wir Frauen noch in Sondervikariate gesteckt, ich kam in das kirchliche Internat Gaienhofen. Aber nach dem 2. Examen wurden wir völlig gleich behandelt. Ich ließ mich von der Pfarrerin Waltraud Sattler ordinieren, sicher eine Premiere.
Im Predigerseminar hatte ich meinen Mann kennen gelernt. Trotz Verheiratung konnte ich im Dienst der Kirche bleiben und auch den Titel „Pfarrerin“ behalten, wollte aber wegen der Vereinbarkeit von Beruf und Familie in den Religionsunterricht gehen.
Bis 1991 war ich an sehr verschiedenen Schularten tätig, zuletzt, inzwischen geschieden mit drei Söhnen, am Pestalozzi-Gymnasium in München.
Das Motto meines spirituellen Lebens und meiner theologischen Arbeit nenne ich im Nachhinein: „Auf der Suche nach der Wahrheit, nach der Tiefendimension im menschlichen Leben“, gleichzeitig war ich allergisch gegen jede Tradition, die mich unfrei machen könnte.
Als ich 50 Jahre alt war, entdeckte ich die feministische Theologie. Damit begann ein beispielloser Aufbruch. Ich studierte Hildegard von Bingen, Frauen in der Bibel …
In dieser Zeit fragte mich Brigitte Enzner-Probst, ob ich mit ihr einen FrauenKirchenKalender herausgeben wolle. Daraus ergab sich eine 15 Jahre lange Zusammenarbeit, die den Kalender zu seinem klassischen Buch machte. Als der Christian-Kaiser-Verlag in München an Gütersloh verkauft wurde und dieser große Verlag in letzter Minute den Kalender ablehnte, habe ich kurz entschlossen einen Verlag gegründet „mit dem Charme der Naivität“.
Ich hatte inzwischen begonnen, mein Studium wieder aufzunehmen, um über Segen zu arbeiten, da flatterte das Angebot aus Schwerin auf meinen Schreibtisch. Ich wurde im Februar 1994 zur Leitenden Pastorin der Frauenhilfe der Mecklenburgischen Landeskirche gewählt und in der Walpurgisnacht fuhr ich von Zorneding nach Schwerin.
Ein besonderes Glück war es, in Rosmarie Renner eine Frau gefunden zu haben, die den Kalender, der damals nur eine Auflage von 3800 hatte, mit sicherer Hand die nächsten Jahre führte.
1998 war ich im Ruhestand und hatte in Pinnow ein Häuschen und so konnte ich den Verlag zu mir nehmen, inzwischen war der Kalender auf über 10.000 gestiegen.
Einige Jahre engagierter Arbeit für den deutschen und für ausländische Kalender folgten.
Jetzt hat der Kalender im Claudius Verlag, München, eine gutes Dach gefunden, Brigitte Enzner-Probst bleibt die Herausgeberin, Gertraud Ladner die katholische Redakteurin.

Ich arbeite seit geraumer Zeit am Thema „Kirche und Hebamme“ oder „Theologie der Geburt“.
Daneben sammle ich Material für mein nächstes Werk. Das Gottesbild der „Großen Weberin“.


Meine Ordination vor 40 Jahren

Erinnerung


Zum Bild:
Foto: Schwarzwälder Bote, 12. 5. 1965
Links: Mein Religionslehrer, Bruder Clemens, Waltraud Sattler, rechts von mir Bruder Schmidt, Pfarrer der Herrnhuter Brüdergemeine in Königsfeld



Hanna Strack: Erinnerung an meine Ordination am 9. Mai 1965

Ich wurde am 9. Mai 1965 im Kirchsaal in Königsfeld von Pfarrerin Waltraud Sattler ordiniert. Wir waren uns damals beide nicht bewusst, welch historisches Faktum das war!
Und das kam so: Nach dem 1. kirchlichen Examen 1963 in der Badischen Landeskirche wurden wir Frauen noch in Sonderlehrvikariate gegeben. Ich kam in das Internat Gaienhofen am Bodensee. Nach dem 2. Examen 1965 wurden wir gleich behandelt wie die Männer, da inzwischen die Synode das Theologinnengesetz beschlossen und Durchführungsbestimmungen erlassen hatte. Pfarrer Adolph, mein Lehrvikariatspfarrer, sollte mich ordinieren, er war aber inzwischen Oberkirchenrat geworden und der Termin war anderweitig besetzt. Nun habe ich Pfarrerin Waltraud Sattler, Leiterin des Mädchenwerkes in Karlsruhe, vorgeschlagen und darauf beauftragte OKR Adolph sie, mich zu ordinieren. Waltraud Sattler hatte 1951 Examen gemacht und als sie kurz danach bei der Ordination eines Kommilitonen zwischen den Gemeindgliedern in der Kirchenbank saß, hatte sie für sich selbst beschlossen: Diese Ordination ist auch die Meine! 1952 wurde sie dann zusammen mit sieben Pfarrvikarinnen jeden Alters von Oberkirchenrat Dürr eingesegnet. Sie bekam 1968 eine Pfarrstelle in Heidelberg, für die sie zunächst beauftragt war. Drei Jahre später bekam sie das Pfarramt „inne“, wie es hieß. Sie sollte nun eingeführt werden, aber sie war längst von der Gemeinde als ihre Pfarrerin anerkannt und die Kirchenältesten sagten: „Dieses Theater machen wir nicht mit!“
Die Gleichberechtigung der Theologin war nun also gesetzlich verankert, wenn es auch für die Männer nicht leicht war, sich daran zu gewöhnen. So meinte der Leiter des Predigerseminars nach meiner Examenspredigt wohlwollend, ich müsse keine undurchsichtigen schwarzen Strümpfe tragen! Pfarrer Schuchmann, dem ich als Vikarin (andererorts Pfarrerin z.A.) in der Gemeinde Karlsruhe-Mühlburg zugeteilt wurde, war Kavalier der alten Schule, er behandelte mich höflich und vollkommen gleichberechtigt. Je einer von uns beiden hatte eine Woche lang Kasualiendienst, der andere Gottesdienst am Sonntag und dies in regelmäßigen Wechsel. So kam es, dass ich einen angesehenen Bäckermeister beerdigte und kritische Stimmen hörte: „Warum schickt er die Vikarin?“ Aber nur einmal wollte ein Ehepaar sein Kind nicht von mir taufen lassen, weil die pietistische Verwandtschaft das ablehnte, was ihnen sichtlich unangenehm war. Als ich 1972 nach München zog, erhielt ich vom OKR Karlsruhe die Erlaubnis, den Titel „Pfarrerin“ im Zusammenhang mit geistlichen Aufgaben zu benutzen. Das hat mir in den vielen Jahren des Schulunterrichtes und der privaten Höhen und Tiefen sehr geholfen.
Warum habe ich mich in eine Kirche hinein ordinieren lassen, obwohl ich ihr bis heute kritisch gegenüber stehe? Ich studierte Theologie, weil ich es wissen wollte, weil ich selbst an die Wurzeln hinunter graben wollte: Was ist der Kern dieses Christentums, das meine kriegs-brüchige Kindheit und meine pietistisch-weltoffene Schulzeit im Zinzendorf-Gymnasium in Königsfeld so stark geprägt hatte? Und: Was ist Glaube in heutiger Zeit? Ist es richtig, den Unterschied von Kirche und Welt zu postulieren? Der Neutestamentler und Hermeneutiker Ernst Fuchs wurde mein Vorbild beim Graben nach den Wurzeln. Bei ihm lernte ich, dass Glaube eine existentielle Erfahrung sowohl bei Jesus als auch bei mir sei.
Als ich 50 Jahre alt war, entdeckte ich die feministische Theologie und die Kreativität von Frauenliturgien, mit 53 Jahren die Freude am Schreiben. Mit dem Schreiben der Segenstexte betete ich, indem ich Gott und Lebenswirklichkeit zusammen sprechen wollte. Ich vermisse noch heute die Definitionsmacht der Frauen in Theologie und Kirche. Meine Arbeit am FrauenKirchenKalender und an meinem neuen Thema „Theologie der Geburt aus der Perspektive von Hebammen“ haben mir gezeigt, wie langwierig es sein wird, Lebens- und Glaubenserfahrungen von Frauen in der Gemeinde zur Sprache zu bringen.
Mit meinen katholischen Schwestern leide ich, weil sie offiziell nicht zu Priesterinnen geweiht werden, staune aber über ihre große Spiritualität.
Die Mitgliedschaft in Vereinen und Verbänden von Theologinnen und Kirchenfrauen ist meine Gemeinde, doch bin ich dankbar, in Pinnow einen liberalen Pastor zu erleben, in dessen Gemeinde ich meine festen Engagements habe.
Was wird mich im Sterben trösten? Ich versuche seit einiger Zeit, Gott im Bild der Großen Weberin zu denken und mich ihr betend anzuvertrauen. Sie wird meinen Lebensfaden abschneiden, aber dieser leuchtende Faden wird bleiben im Teppich des Lebens.


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